Tiger oder Katze?

Zeichnung links: Daniela Kögler Foto rechts: Lukasz Wolejko-Wolejszo

Es gibt kein Rezept für das Leben. Die Geschmäcker, Erwartungen und Ansprüche sind einfach zu unterschiedlich. Man kann auch nicht einfach mit einem Rezept in die Apotheke gehen und sagen: ‘Einmal eine Doppelpackung Freiheit und noch eine Packung Glück und Sonnenschein dazu.’

Was ist Freiheit?

Meiner Meinung nach entsteht Freiheit im eigenen Kopf und jeder kann sich dafür oder dagegen entscheiden. Ich möchte einen Vergleich ziehen. Sehen wir uns den Tiger an. Ein starkes, stolzes Tier. Elegant, kräftig und von allen respektiert und bewundert. In jedem von uns steckt dieser Tiger! Eigentlich ist es ein starkes Tier. Aber manche sitzen trotzdem im Käfig. Im Käfig der Gesellschaft, im Käfig der selbst gesteckten Grenzen, oder im goldenen Käfig. Oftmals nicht körperlich, sondern auf geistiger Ebene. Und wenn unser Geist eingefangen und der Wille erst einmal gebrochen wurde, dann scheint unser Schicksal besiegelt.  Wir bemitleiden uns selbst, sehen nur noch die kalten, engen Gitterstäbe und sind gefallen im Alltagstrott. Dabei merken wir gar nicht, dass die Tür ab und an geöffnet wird. Wir wollen es gar nicht sehen! Denn dann müssten wir raus und um unser Überleben kämpfen. Es ist viel einfacher im Käfig zu sitzen und rumzuheulen.

Denn mit der Zeit sind wir schwach geworden. Zuviel Freiheit macht uns dann irgendwann Angst. Der Tiger, der jahrelang in Gefangenschaft war, muss erst wieder auf die Wildnis vorbereitet werden. Selber auf die Jagd gehen, dann gibt es keine festen Futterzeiten mehr. Er muss lernen, wieder eigene Wege zu gehen, gegen Feinde anzukämpfen. Das ist nicht einfach. Denn die angeborenen Sinne dieses so starken Tieres sind durch die Gefangenschaft abgestumpft. Und wenn dann jemand kommt und die Türe zur Freiheit öffnet, wird der Tiger nicht gleich hinauslaufen und so stolz sein wie er eigentlich sein könnte. Denn er ist verängstigt, unsicher und schwach. Auch wenn er kurz zuvor von der Freiheit geträumt hat. Jetzt, wo sie so greifbar nahe ist, weiß er nicht wie er sich verhalten soll.

Wir alle sind Tiger. Und auch wir bleiben zu oft sitzen, wenn uns eine Türe geöffnet wird. Denn wir sind bequem. Wir bleiben das Kätzchen im Käfig, das getätschelt wird und das Fressen regelmäßig und portioniert vorgesetzt bekommt. Denn das bedeutet ein Stück weit Sicherheit für uns. Denn Ängste hindern uns an dem, was wir eigentlich tun könnten. Wir alle bewundern den Tiger. Doch die meisten von uns sind Kätzchen, die den Tiger im Fernsehen sehen und dann doch froh sind, gemütlich auf dem Sofa zu sitzen, mit einer Tüte Chips ihm dabei zu zusehen, wie er kämpfen muss. Manchmal singt er auch, tanzt oder läuft vor Heidi und der Jury auf und ab und jagt einem Ziel nach, von dem die meisten in ihrem Käfig nur träumen. ;)

Ich möchte diesen Blog mit meinem Lieblingsgedicht abschließen, das ein wenig zum Nachdenken anregen soll.
Hierbei handelt sich sich zwar um einen Panther, aber der Vergleich ist passend.

 

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

 

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Zeichnung links: Daniela Kögler
Foto rechts: Lukasz Wolejko-Wolejszo

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